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36 Adler waren zum eisigen Festessen geladen


36 Adler waren zum eisigen Festessen geladen :: 29.01.2010

Das 5-Sterne Menü bestand aus schwachen und erfrorenen Schwänen

Auf dem Eis der Wittower Fähre waren am Dienstag 36 Schwäne zu zählen. Sie trafen sich dort zum Festschmaus im eiskalten Winter. Ihr Mahl: verendete Schwäne oder auch mal ein Blesshuhn. Natürliche Auslese wird das wohl in der Natur genannt. Die Fährmänner der Wittower Fähre, die sich nur noch mit Mühe einen Weg durch den Rassower Strom bahnt, können davon fast jeden Winter berichten, sobald die Kälte und mit ihr das Eis zunimmt. Auch Karl Goers aus Zubzow, der auf dem Bollwerk der Wittower Fähre steht, ist das Phänomen bekannt. „Manchmal fangen die Adler sich regelrecht ein Tier heraus. Meist sind es die Schwachen, die den Überlebenskampf bei Temperaturen von -12 bis -18 Grad auf Rügen derzeit verlieren“, weiß er.

Früher hat er mit Rosemarie Halliger und Hans-Ulrich Dost bei solch eisigem Winter die Schwäne gefüttert und dafür Weizen „vom Naturschutz aus Ribnitz“ bekommen. „Mit der Wende hat es leider aufgehört, dass sich die Menschen um die Schwäne und Wasservögel im Winter gekümmert haben“, sagt er traurig und saugt nebenbei an seiner Zigarre. „Komm, komm“, ruft er immer wieder in Richtung eines Schwanes auf dem Eis, während ein anderer schon Weizen knabbert. Goers wirft Getreide oder trockenes Brot aufs Eis. „Jetzt sind es schon zwei“, freut er sich, als ein weiterer Schwan den Weg vom Anleger auf die andere Seite auf sich nimmt und dafür mit den alten Brotstücken belohnt wird. „Wenn wir das zu mehreren machen, sind sie bald alle hier an der Seite“, weiß er von früher, als er Futtermeister für das Getreide dieser Winterfütterung war und am Wochenende auch an Besucher etwas verteilt hat. „Die kamen oft von weiter her. Meist hatten die aber selbst was dabei“, weiß er und greift letztmalig in seinen Eimer. Der zweite Schwan bevorzugt die Apfelstückchen und das harte Brot. Den Weizen hat er nicht entdeckt, obwohl er ständig drüberläuft. Doch die Brotstückchen machen ihm sichtlich beim Aufheben Mühe. Immer wieder schiebt er sich mit der Kralle an seiner schwarzen Schwimmflosse hinterher, bis endlich ein hartes Brot im Maul landet. „Wenn doch die Landwirte etwas Getreide abgeben würden, wären zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Die Schwäne würden nicht auf der Winterfrucht lagern und dort fressen, weshalb sie regelmäßig von den Bauern oder ihren Helfern vertrieben werden und sie würden nicht so zahlreich verhungern, wie jetzt.“
So stellt sich der Festschmaus der Adler als nur eine Facette der Natur dar. Die Tiere in der geschlossenen Gruppe bleiben meist am Leben, wenn das Futter reicht. Doch je länger die Eisdecke geschlossen ist, um so mehr Schwäne und auch Blesshühner verenden an Schwäche mangels Futter. Oder frieren fest und verhungern so. Ein gruseliger Tod. Warum also sollen nicht die Menschen den Schwänen ebenso helfen, wie den Singvögeln im Garten€ Dort können es derzeit gar nicht genug Vogelhäuschen sein. Und die sind immer gefüllt. Bei vermutlich weitaus weniger Not im Garten.
Wie bestellt fährt auf der Fahrt gen Gingst dann wieder der grüne Jeep des Verwalters jenes Gehöftes auf dem Acker parallel, dessen Eigentümer die Felder von Vaschvitz bis Gingst beackert und auch mal die Gehölze illegal roden lässt. Er fährt sogar extra auf zwei einzelne Schwäne außerhalb der Fahrspur zu, bis diese sich mühsam erheben und starten. Unsere Naturbewahrer eben.

Schlimmer noch sieht es in Schaprode aus. Dort füttert an diesem Tag und wohl auch sonst keiner die Schwäne. Zwei Männer stehen am Anleger. „Das ist die natürliche Auslese“, sagt einer. Und lacht. „Da freut sich der Fuchs“, sagt er und zeigt dabei auf ein schon gefleddertes Tier der letzten Nacht. Daneben ein weißer Schwan ganz unversehrt, dessen Bein im Eis eingefroren ist. Tot. Lange kann der aber noch nicht tot sein. Zwei, drei, vier weitere und zwei Kormorane liegen wie zu Zeiten der Vogelgrippe direkt im Eis des Anlegers. Gruselig. Ein einzelner, deutlich phlegmatischer Kormoran mit geringem Fluchtverhalten sitzt auf der Brüstung und rückt nur langsam vom Menschen beim Näherkommen ab. „Der macht es auch nicht mehr lange“, entscheiden die beiden und verschwinden aus der Kälte wieder in Richtung ihres warmen zu Hauses. Nur das Schild „Baden verboten“ bleibt etwas spöttisch angesichts der arktischen Temperaturen und dem Eis an einem Kasten zurück. Da die Fähre Vitte ja täglich noch fünf Eisbrecherfahrten nach Hiddensee macht, sollten sich doch die Touristiker mal einen Kopf machen und die verendeten Vögel beseitigen, geht es mir durch den Kopf. Es muss ja nicht so offensichtlich sein, das Elends. Auch wenn das Natur ist. Doch auch zu Zeiten des H5N1-Virus klappte das ja schon nicht oder nur widerwillig. Und Adler kommen eben nicht an den Anleger von Schaprode. Was der Fuchs als Ordnungspolizei liegen lässt, ist am Ende nur noch ein Haufen Federn und eine blutige Spur. Bis zum nächsten Schnee oder Tauwetter.

INFO Adler:

Die Insel Rügen zeichnet sich durch eine reich strukturierte Landschaft aus. Inseln und Halbinseln, Wälder, Wiesen, Äcker und vor allem die großen Wasserflächen eingeschlossen, die sie umgeben und gliedern. An und über den großflächigen  Boddengewässern und den Seen im Inneren der Insellandschaft fallen dem aufmerksamen und geübten Beobachter immer wieder die beeindruckenden Charaktervögeln unserer Küstenlandschaft auf. Die Seeadler.
In vielen Gegenden Deutschlands fehlen sie schon völlig und sind deshalb auch auf der Roten Liste gefährdeter Tiere zu finden. Im europäischen Maßstab gelten sie als „selten“
Damit die Seeadler auf der Insel Rügen in Ruhe ihre Jungen aufziehen können, müssen alle Störungen im Bereich ihrer Horste vermieden werden.
Mit dem Landesnaturschutzgesetz wurden in Mecklenburg-Vorpommern Horstschutzzonen (100m- und 300m-Umkreis =  eins und zwei ) eingerichtet, in denen untersagt ist, innerhalb der Schutzzeiten vom 1. Januar bis zum 31. Juli zu jagen.
In Schutzzone eins sollen jegliche Störungen ganzjährig vermieden werden.

Durch die genaue Kartierung der Niststätten (einschließlich Wechselhorste) können die Förster, Jäger und Flächeneigentümer alle notwendigen Standortinformationen erhalten. Leider gibt der NABU Rügen, bei dem diese Informationen von den Internetseiten seines Adlerprojektes entnommen sind, keine wirklichen Fakten und Zahlen preis.
Rico Nestmann nennt in seinem Buch „Herrscher des Himmels“ die Zahl von rund 500 Brutpaaren für das Jahr 2006 in Deutschland. Die Hälfte davon von rund 250 Paaren lebt in Mecklenburg Vorpommern. Da wiederum an der Müritz, der Seenplatte und an den Boddengebieten der Ostsee wie Rügen.
Norwegen ist mit 1550 bis 1750 Brutpaaren der europäische Staat mit dem dichtesten Bestand.

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